Lehrergesundheit

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Zahlen und Fakten zur Lehrergesundheit

Nach dem Versorgungsbericht der Bundesregierung aus 2010 gehen 72% der Lehrerinnen und Lehrer krankheitsbedingt in Frühpension. Von diesen 72% leidet wiederum die Hälfte an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Darüber hinaus weisen mehrere Experten auf eine hohe Dunkelziffer hin, Schätzungen zufolge sind ca. 30% aller Lehrerinnen und Lehrer diesbezüglich potentiell gefährdet. In engem Zusammenhang mit dem Topos "Lehrergesundheit" stehen einerseits Überlegungen zum Berufsbild (damit verwandt auch Rollenforderungen) des Lehrers und andererseits der Begriff Lehrerburnout. Die Überlegungen zum Berufsbild des Lehrers helfen diesbezüglich Belastungskomponenten zu identifizieren, welche dann letztlich zum Burnout führen können.

Zum Berufsbild Lehrer

Der Lehrerberuf beinhaltet viele unterschiedliche Besonderheiten, Aufträge und Belastungskomponenten. Zunächst zu den Besonderheiten:

Besonderheiten des Lehrerberufs

Barth (1990) sieht einen wichtigen Punkt in der Beschreibung des Berufsbildes darin, dass in der Lehrtätigkeit (und somit durch die Arbeit mit und für eine nachfolgende Generation) die Hoffnung auf eine gute Zukunft begründet liegt. Ein weitere Aspekt ist, dass Kinder bzw. Jugendliche nicht freiwillig zur Schule gehen und es sich bei der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern um eine generell einseitig gebende (Zweck)Gemeinschaft handelt. Der Lehrer ist in diesem Sinne der Helfer, die Schüler wollen aber ggf. keine Hilfesuchenden sein. Daraus ergeben sich nicht nur leicht(er) Konflikte, sondern auch der Wunsch der Lehrenden nach Dankbarkeit oder Anerkennung und positivem/konstruktivem Feedback bleibt oftmals unerfüllt. Zudem sind Lehrer abhängig von der Lernmotivation und dem Lernerfolg ihrer Schüler. Auch wenn sie gute Arbeit leisten, zählt am Ende der Lern- und Leistungszuwachs ihrer Schüler. Damit haben sie wenig Kontrolle über ihre Arbeit. Die meiste Zeit verbringen Lehrer vor bzw. in der Klasse, wo sie ständig in komplexen Situationen interagieren müssen. Auch wenn der Schulstoff sich meist mit einigem Abstand wiederholt, haben Lehrer stets wechselnde Situationen und müssen sehr viele Entscheidungen in kurzer zeit treffen.

Der Aufgabenkatalog von Lehrkräften

Der Aufgabenkatalog der Lehrertätigkeit ist sehr weitläufig, wie sich z.B. aus den Nordrhein-Westfälischen und Niedersächsischen Schulgesetzen identifizieren lässt. Lehrer sind demnach dazu verpflichtet:

  • die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler zu bilden, ihre Selbstständigkeit zu fördern und nach demokratischen, religiösen und humanistischen Grundgedanken weiter zu entwickeln.,
  • die der Verfassung zugrunde liegenden Werte zu vermitteln,
  • den Unterricht sorgfältig vor- und nachzubereiten
  • in eigener Verantwortung zu erziehen, unterrichten, beraten und beurteilen,
  • die mit Unterricht und Erziehung zusammenhängenden Aufgaben (wie Zeugnisse ausstellen, Arbeiten korrigieren, Prüfungen vorbereiten) zu erledigen,
  • als Informant und Berater Schülern wie Eltern beiseite zu stehen,
  • auch in Fächern zu unterrichten, in denen sie keine Lehrbefähigung erworben haben,
  • außerschulische Veranstaltungen (Schulfeste, Klassenfahrten etc.) vorzubereiten und durchzuführen,
  • Dienstbesprechungen vorzubereiten und daran teilzunehmen,
  • Verwaltungsaufgaben zu übernehmen,
  • sich in der unterrichtsfreien Zeit fortzubilden.

Die Vorschriften des Schulgesetzes und der Allgemeinen Dienstordnung sind vielfältig und haben einen offenen Auftrag. Aus diesem Grund besteht gerade für besonders bemühte und engagierte Lehrer die Möglichkeit bzw. das Risiko, sich über kurz oder lang zu überfordern und das Gefühl zu bekommen, nie mit der Arbeit fertig zu werden. Problematisch ist auch, dass der wünschenswerte und tatsächliche Arbeitsaufwand in den Vorschriften keinen zeitlichen Rahmen bekommt.

Die dargestellten besonderen Anforderungen und der umfangreiche Aufgabenkatalog wirken sich im Lehrerberuf auf drei Belastungsebenen aus, welche nachfolgend erläutert werden.

Belastungsebenen und Belastungskomponenten

Die Belastungskomponenten im Lehrerberuf sind wie der Aufgabenkatalog und die besonderen Anforderungen vielfältig. Um besser überschauen zu können, um welche Belastungskomponenten es sich handelt, werden sie in drei Ebenen kategorisiert (vgl. Kramis-Aebischer, 1995, S. 98):

  1. Die Organisationsebene
  2. Die Systemebene
  3. Die Individuumsebene

Diese Dimensionen bilden für sich einzelne und gleichwertige Problembereiche, beeinflussen sich jedoch auch gegenseitig. Die drei Ebenen werden kurz erläutert.

Die Organisationsebene

Bei der Organisationsebene handelt es sich verallgemeinert um das „social network“, also um die sozialen Beziehungen innerhalb der Schule bzw. im Kollegium. Belastungen auf dieser Ebene können z.B. sein:

  • Schwierigkeiten mit Kollegen
  • Unzureichendes Teamempfinden
  • Isolation
  • Mangelnde Kommunikation

Die Systemebene

Die Systemebene umfasst Arbeitsanforderungen des Schulsystems. Gleichzeitig schließt sie die Berufssituation, den gesellschaftlichen Status, die Anstellungsbedingungen, die Berufsanforderungen, die Berufsrolle(n), die Ausbildung und alltägliche Arbeitsbedingungen mit ein. Im Bereich der Systemebene gibt es bislang die ertragreichsten Forschungsergebnisse, wohl auch, weil hier viele Untersuchungen vorgenommen wurden. Zu den Belastungskomponenten zählen hier z.B.:

  • Disziplinkonflikte mit Schülern
  • Verwaltungsaufgaben, Ärger mit Behörden:

Neben der Lehrtätigkeit haben Lehrerinnen zusätzliche Verwaltungsaufgaben zu leisten, welche überwiegend in die Freizeit fallen.

  • Medienbild, abnehmendes gesellschaftliches Ansehen
  • Aufstiegsmöglichkeiten:

Die Möglichkeiten des beruflichen Aufstiegs sind im Lehrerberuf sehr beschränkt. Das kann zur Frustration führen, da auch durch Mehrarbeit und großes Engagement nicht unbedingt die Aussicht auf Beförderung besteht.

  • Objektive Arbeitsbedingungen:

Hierzu zählen z.B. große Klassen, wenig Zeit, sehr große Stofffülle. Diese Faktoren beziehen sich auch auf die unterrrichtsfreie Zeit, in welcher u. a. der Unterricht vor- und nachbereitet wird oder Klassenarbeiten korrigiert werden.

  • Rollenanforderungen, Rollenkonflikte

Die Individuumsebene

Diese Dimension umfasst die persönlichen, demografischen Merkmale, lebensgeschichtliche Bedingungen, Verhaltensmuster und Belastungsempfinden der einzelnen Lehrkräfte. Faktoren können dabei z.B. sein:

  • Alter:

Es gibt Studien (z.B. Dubs, 1989), die belegen, dass sich jüngere Lehrer aufgrund der fehlenden Erfahrung stärker belastet fühlen als ältere. Jedoch lässt sich diese Tendenz nicht durch andere Untersuchungen bestätigen (vgl. Kramis-Aebischer, 1995, S. 111).

  • Geschlecht:

Die geschlechtlichen Unterschiede zeigen sich z.B. in der Art des Umgangs mit Schüler. Weibliche Lehrkräfte sind hierbei emotionaler und hegen den stärkeren Wunsch, auf einzelne Schüler einzugehen. Die fehlende emotionale Abgrenzung und beziehungsorientierte Sichtweise führt jedoch zur größeren Abhängigkeit von Schülerreaktionen. Dementsprechend fühlen Lehrerinnen sich oft stärker belastet als Lehrer (vgl. Kramis-Aebischer, S. 112).

  • Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen:

Gemäß dem Prinzip des bereits oben vorgestellten Konzepts führt eine externale Kontrollüberzeugung eher zum Gefühl der Überbelastung als internale Kontrollüberzeugungen (vgl. Kramis-Aebsicher, 1995, S. 112). Lehrer, die sich z.B. (external) abhängig von Schülereaktionen fühlen und keine Chance sehen auf diese einzuwirken, erleben eine größere Belastung als Lehrer, die sich durch ihre eigenen (internalen) Einstellungen in ihrem Handeln beeinflusst fühlen.

  • Persönlichkeitscharakteristika, Selbstkonzept
  • Ängste


Weblinks


Literatur

  • Barth, A.-R.: Burnout bei Lehrern. Theoretische Aspekte und Ergebnisse einer Untersuchung. Göttingen. 1990
  • Burisch, M.: Ausgebrannt, verschlissen, durchgerostet. In: Psychologie Heute, H. 9/1994, S. 22-25. 1994
  • Dubs, R.: Zur Belastungssituation von Lehrkräften. Eine Pilotstudie mit Lehrkräften an kaufmännischen Berufsschulen im Kanton St. Gallen. In: Festschrift Hochschule St. Gallen, 127-135. 1989
  • Kramis-Aebischer: Stress, Belastungen und Belastungsverarbeitung im Lehrerberuf. Bern. 1995
  • Meidinger, H., Enders, C.: Praxishilfen Schule. Burnout-Seminare für Lehrer: ausgebrannt und aufgebaut. Arbeits- und Nachdenkbuch. Neuwied. 1997
  • Rudow, B.: Die Arbeit des Lehrers. Zur Psychologie, der Lehrtätigkeit, Lehrerbelastung und Lehrergesundheit. Bern. 1994
  • Smolka, D.: Ausgebrannt im Klassenzimmer. In: Psychologie Heute, H. 4/2000, S. 38-41. 2000