Inklusion

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Was ist Inklusion?

Eine inklusive Schule ist eine Schule für alle. Sie ist eine Schule, in der Kinder und Jugendliche gemeinsam lernen, ohne dass sie aufgrund ihrer individuellen Besonderheiten selektiert und voneinander separiert würden. Eigentlich kein neues Thema und in einigen Ländern der Welt auch schon gängige Praxis. In Deutschland hat Inklusion durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 nicht nur neue Aufmerksamkeit, sondern eine klare Relevanz bekommen: Das deutsche Schulsystem muss inklusiv werden. Eine Aufgabe, die – nicht zuletzt durch systembedingte Widersprüche – alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt ...


Die Situation in Deutschland: Bildungssystem mit Förderbedarf

Der Druck auf das deutsche Förder- und damit auch auf das Regelschulsystem wächst: Mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2009 haben sich alle Bundesländer dazu verpflichtet, Menschen mit Behinderungen einen gleichberechtigten Zugang zum allgemeinen Schulsystem zu verschaffen. Jedes Kind soll die Möglichkeit haben, an einem inklusiven, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen sowie weiterführenden Schulen teilnehmen zu können. Die aktuellen Zahlen sprechen allerdings noch eine andere Sprache: Annähernd eine halbe Million Schüler in Deutschland haben derzeit einen ausgewiesenen sonderpädagogischen Förderbedarf. Damit liegt die Förderquote (also der Anteil der Schüler mit Förderbedarf) im Bundesdurchschnitt bei ungefähr sechs Prozent. Von diesen Kindern werden rund 82 Prozent in separaten Förderschulen unterrichtet (vgl. aktuelle Inklusionsstudie von Prof. Klemm auf Seite 3). International betrachtet sind das durchaus hohe Werte: In den meisten EU-Ländern liegt die Förderquote bei unter drei Prozent. Außerdem wird dort ein viel größerer Anteil der förderbedürftigen Kinder im Regelschulsystem integriert (vgl. Abb. 1). Trotz kleiner Klassen und speziell ausgebildeter Pädagogen sind deutsche Förderschulen für ihre Schüler häufig eine Sackgasse. Das ist wissenschaftlich belegt. Am besten wurde dies bereits für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf im Bereich Lernen untersucht. Diese kommen zu einem großen Teil aus sozial schwachen Familien und haben häufig einen Migrationshintergrund. Die Kinder mit dem Schwerpunkt Lernen stellen fast die Hälfte aller Förderschüler. Sowohl in nationalen als auch internationalen Studien konnte gezeigt werden, dass sich die Leistungen dieser Gruppe verschlechtern, je länger sie gesondert unterrichtet werden. Entsprechend schafft in Deutschland auch nur ein Bruchteil der Förderschülerinnen und -schüler den Sprung zurück auf eine allgemeine Schule. Im Ergebnis erreichen über drei Viertel (76,3 Prozent) der Abgänger aus Förderschulen keinen Hauptschulabschluss. Damit ist ihre Aussicht auf gesellschaftliche Teilhabe – zum Beispiel in Form einer Berufstätigkeit – mehr als gering. Wie aber sieht eine Alternative zur Förderschule aus? Und gibt es sie überhaupt?

Der inklusive Anspruch: Gemeinsamer Unterricht an Regelschulen

„Spätestens seit Inkrafttreten der UN-Konvention haben wir eine Verpflichtung: die Schaffung eines inklusiven Schulsystems“, erklärt Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Inklusion bezieht sich dabei jedoch nicht nur auf Menschen mit Behinderungen, sondern auf alle Formen von Unterschiedlichkeit – sei es im Hinblick auf die körperliche, geistige oder kognitive Entwicklung, auf Interessen und Begabungen oder auch den Hintergrund eines Kindes. Inklusive Schule ist also eine Schule, die allen Kindern offensteht und die die individuellen Begabungen und Interessen eines jeden Kindes bestmöglich fördert. Genau diese Vielfalt hilft ihnen, gleichaltrige Vorbilder zu finden und auch selbst Vorbild sein zu können. Um das eigene Potenzial vollständig entfalten und entwickeln zu können, brauchen Kinder Kontakt zu anderen Kindern. Durch inklusive Schulen wird dieser Kontakt nicht unterbrochen, sondern verstärkt. Wohnortnahes, gemeinsames Lernen ermöglicht den Kindern, dass sie ihre sozialen Bindungen aus der Nachbarschaft auch in der Schule erhalten und sogar weiterentwickeln können. Der gemeinsame Unterricht bietet Kindern mit Förderbedarf darüber hinaus die Grundlage „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinderung“ Immer mehr Schulen in Deutschland entwickeln sich zu inklusiven Bildungsstätten. Ein Gewinn auch für nicht behinderte Kinder! für nachweislich bessere Lern- und Entwicklungsfortschritte – was ihre Chance auf einen weiterqualifizierenden Abschluss erhöht. Aber auch für Kinder ohne besonderen Förderbedarf hat der gemeinsame Unterricht positive Folgen. Sie üben und entwickeln nicht nur ihre sozialen Kompetenzen, sondern profitieren gleichermaßen von der Praxis individueller Förderung, wie sie an inklusiven Schulen konsequent verankert ist.

Internationale Beispiele für erfolgreiche Inklusion

Kein Land hat im internationalen Vergleich ein so hoch differenziertes Förderschulsystem wie Deutschland. Hierzulande gilt es als „normal“, Kinder mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten in eigens dafür geschaffenen Schulen zu unterrichten. In vielen europäischen und außereuropäischen Ländern wird dies längst anders gesehen – und anders gehandhabt. So zum Beispiel in Italien, Norwegen oder Schweden. Die Schulpraxis in diesen Ländern zeigt, dass Inklusion machbar ist. Über 90 Prozent aller förderbedürftigen Schüler besuchen dort die allgemeinbildenden Regelschulen. Geradezu beispielhaft ist die italienische Provinz Südtirol: Hier gründet sich Inklusion auf verbindliche gesetzliche Rahmenvorgaben, ein gut organisiertes Netz personeller und finanzieller Ressourcen sowie ein starkes, ausdifferenziertes und kompetentes Unterstützungssystem. Kennzeichnend ist außerdem eine positive Haltung zur Inklusion sowie eine auf das einzelne Kind ausgerichtete Arbeit der Pädagoginnen und Pädagogen in allen Bildungseinrichtungen – vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarstufe und darüber hinaus . Wie weit sind wir in Deutschland auf dem Weg der Inklusion? Inklusion kann auch in Deutschland gelingen: Das zeigen die bundesweit mehr als 200 Schulen, die sich in diesem und im vergangenen Jahr am „Jakob Muth-Preis für inklusive Schule“ beteiligt haben. Unter dem Motto „Gemeinsam lernen – mit und ohne Behinderung“ zeichnet der Jakob Muth-Preis Schulen aus, die behinderte und nicht behinderte Kinder vorbildlich zusammen unterrichten. Hier zeigt sich: Ein gemeinsamer Unterricht, der beim individuellen Kenntnisstand sowie den persönlichen Bedürfnissen und Interessen der einzelnen Schüler ansetzt, wirkt sich auch auf deren Leistung aus. Viele dieser inklusiven Schulen haben bei Vergleichstests überdurchschnittliche Ergebnisse erzielt. So auch die drei Preisträgerschulen aus 2010, die ebenfalls in diesem Wiki vorgestellt werden (Link zur Seite mit den Schulbeispielen). Inklusion setzt sich jedoch nicht nur auf der Ebene von Einzelschulen durch. Mehr und mehr Schulsysteme in Deutschland geraten in Bewegung. Bremen und Hamburg sind die ersten Bundesländer, die Inklusion in ihre Schulgesetze aufgenommen haben. Ihre klare Verpflichtung: Behinderte und Nichtbehinderte sollen gemeinsam an Regelschulen unterrichtet werden. In Schleswig-Holstein wurden alle Förderschulen zu Förderzentren ausgebaut und die Quote der Schüler mit sonderpädagogischem Bedarf an allgemeinen Schulen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesteigert. Bundesweit ist die Inklusionsquote in den vergangenen Jahren von 13,9 Prozent (2004) auf 18,4 Prozent (2008) angestiegen. Nachdenklich stimmen allerdings die zum Teil sehr großen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Während in Rheinland-Pfalz 3,8 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Kinder und Jugendlichen eine Förderschule besuchen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern 9,2 Prozent. Von den Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf besuchen in Schleswig- Holstein 41,9 Prozent den gemeinsamen Unterricht, in Niedersachsen aber lediglich 6,6 Prozent (vgl. Abb. 2). Hier stellt sich die Frage, welcher bildungspolitische Weg der beste ist, wenn es darum geht, Förderbedarfe festzustellen und Kinder und Jugendliche individuell zu fördern.

Klarheit schaffen – dann wird Inklusion auch verständlicher

Häufig werden in der öffentlichen Diskussion unterschiedliche Förderbedarfe miteinander vermischt. In die Kategorie der „Behinderungen“ fallen die Bereiche Sehen, Hören, körperliche und motorische Entwicklung, geistige Entwicklung sowie Erkrankungen. Im individuellen Fall gibt es jeweils klar diagnostizierbare medizinische Sachverhalte, die einen Unterstützungsbedarf induzieren. International wird die betroffene Gruppe von Kindern und Jugendlichen zum Teil separat beschult. Deutlich von den Behinderungen abzugrenzen sind die „Beeinträchtigungen“ beim Lernen, in der Sprache sowie in der emotionalen und sozialen Entwicklung (LES). In diesen Bereichen resultiert der zusätzliche Förderbedarf entweder aus Interaktionsproblemen oder besteht aufgrund des individuellen Bildungskontextes. International wird diese Gruppe überwiegend in Regelschulen gefördert – Deutschland bildet hier eine Ausnahme. Ob nun mit Blick auf Behinderungen oder auf Beeinträchtigungen: Inklusion ist in beiden Förderbereichen machbar.


Übergang zu einem inklusiven Schulsystem

Das ist auch die Überzeugung der beiden deutschen Bildungsexperten Klaus Klemm und Ulf Preuss- Lausitz. In einem Wissenschaftsgutachten „Zum Stand und zu den Perspektiven der sonderpädagogischen Förderung in den Schulen der Stadtgemeinde Bremen“ fordern sie die Abschaffung der Förderschulen für die Bereiche Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache. Frei werdende Sonderpädagogen, so ihre Empfehlung, sollten innerhalb besonderer „Unterstützungscentren“ (UC) in den Regelschulen tätig werden. Regionale Beratungs- und Unterstützungsstellen könnten schließlich die Schulen besonders im Hinblick auf Kinder und Jugendliche mit emotionalsozialem Förderbedarf unterstützen. Empfehlungen gab es auch für förderbedürftige Schüler in den Bereichen Sinneswahrnehmungen, körperliche und motorische Entwicklung sowie geistige Entwicklung. Auch hier würden Kompetenzzentren benötigt, die mithilfe spezialisierter Sonderpädagogen die Schulen in ihrer Arbeit unterstützen. Das Land Bremen hat mittlerweile zahlreiche Empfehlungen aus dem Gutachten der Bildungswissenschaftler übernommen und ist dabei, diese in die Praxis umzusetzen. Inklusion ist also machbar. Dafür bedarf es eines schrittweisen Ausbaus der Regelschulsysteme: Als Erstes müssen Voraussetzungen für den gemeinsamen Unterricht geschaffen werden. Dazu gehört unter anderem, Lehrkräfte für die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen auszubilden, die Personalstruktur an inklusiven Schulen auszubauen und die Einzelschulen je nach Bedarf behindertengerecht auszustatten. Der Übergang zu einem inklusiven Schulsystem gelingt nicht von heute auf morgen. Es braucht einen evolutionären Prozess, der alle Beteiligten mitnimmt. Ein Großteil der zirka 2,6 Milliarden Euro, die pro Jahr für Förderschulen in Deutschland ausgeben werden, könnten in diesen Umbau investiert werden.


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