Individualisiertes Lernen

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Zum Begriff

Der Begriff des individuellen Lernens existiert neben einigen ähnlichen Begriffen wie "individualisiertes Fördern", "individualisierter Unterricht" und bezieht sich - bei aller existenten begrifflichen Unschärfe - auf einen Unterricht, der ausgehend vom einzelnen Schüler mit seinen individuellen Stärken und Schwächen, seinem kulturellen und sozialen Hintergrund unterschiedliche Lern- und Förderangebote macht, so dass allen die gleiche Chance zur Entfaltung der Potentiale zugestanden werden kann. Hintergrund des Anspruchs des individuellen Lernens ist die Anerkennung der Heterogenität der Schülerschaft hinsichtlich der Lernausgangslage, den Potentialen und der Herkunft. Individuelles Lernen bzw. individuelles Fördern steht also der Homogenisierung der Schüler entgegen, nimmt Rücksicht auf die Unterschiedlichkeiten und richtet den Unterricht gezielt hierauf aus. Dabei beschreibt individualisiertes Lernen/Fördern kein neues Phänomen, deutliche Überschneidungen gibt es zum Topos "(Binnen)Differenzierung", welcher ebenfalls darauf abzielt, unterschiedliche Lernangebote zu machen und dementsprechend Rücksicht auf die Unterschiedlichkeiten der Schüler zu nehmen. Während Differenzierung allerdings ein begrenztes Angebot bereitstellt, geht Individualisierung noch einen Schritt weiter und zielt auf die ganz konkreten (individuellen) Potentiale eines jeden Schülers ab.

Das Recht der SchülerInnen auf individuelle Förderung

In den letzten Jahren ist die Forderung eines individualisierten Lernens/Förderns so laut geworden, dass es auch bildungspolitisch viel Beachtung gefunden hat. Im „Rahmenkonzept „individuelle Förderung““ (Nordrhein-Westfalen) wird im Zusammenhang mit dem neuen Schulgesetz folgende Formulierung getroffen (zitiert aus Kunze/Solzbacher, 2004, S. 14):

„Ziel des neuen Schulgesetzes ist es, ein Schulwesen zu schaffen, in dem jedes Kind und jeder Jugendliche unabhängig von seiner Herkunft seine Chancen und Begabungen optimal nutzen kann. Demzufolge rückt die individuelle Förderung in das Zentrum der schulischen Arbeit und wendet sich an alle Schülerinnen und Schüler: An die Leistungsschwachen, an die besonders Begabten und an das Leistungsmittelfeld.“ Darüber hinaus ist der Anspruch individueller Förderung in Nordrhein-Westfalen mit folgendem Wortlaut im Schulgesetz (§1, Abs. 1)verankert worden: "Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine wirtschaftliche Lage, Herkunft und sein Geschlecht ein Recht auf schulische Bildung, Erziehung und individuelle Förderung. Dieses Recht wird nach Maßgabe dieses Gesetzes gewährleistet."

Instrumente und Verfahren individuellen Lernens/individueller Förderung

Individuelles Lernen bzw. Fördern bedarf vielfältiger Instrumente, Verfahren und Methoden, die es einerseits dem Lehrer ermöglichen, die individuellen Potentiale und Einschränkungen/Grenzen der Schüler zu erkennen und andererseits den Lernstoff/die Lernsituation passgenau aufzubereiten. Für erstere Absicht gibt es einige sogenannte Diagnoseinstrumente, die dem Lehrer bei seiner Einschätzung dienlich werden können:

Beobachtung

Nach Peggy Richert (in Kunze/Solzbacher, 2008) erfordert Beobachtung, die "gesichert" (im Sinne von klar begründet) ist, eine konkrete Ausrichtung auf das Ziel (Was soll festgestellt/beobachtet werden?), eine konkrete Planung und Systematik. Zudem ist es dringend notwendig, dass die Lehrerin oder der Lehrer hierbei neurtral, d.h. ohne (Be)Wewrtungen festhält, was er in der Beobachtung wahrnimmt. Dies kann in Form von weitgehend unstrukturierten pädagogischen Tagebüchern und Beobachtungskarteien geschehen oder aber mit Hilfe von Beobachtungsbögen, denen ein (zuvor) definiertes Kriteriensystem zugrunde liegt. Vorteilhaft sind Beobachtungsbögen u. a., da sie als Reflexionshilfe für die Lern- und Schülersituation dienlich sind, Fehlerquellen in der Lehrerbewertung identifizieren können, die Wahrnehmung des Lehrers für das Schülerverhalten und dahinter stehende Unterrichtsmaßnahmen sensibilisieren und eine gesicherte Grundlage bei der Entscheidung über die Gestaltung des Lernweges darstellen.

Kompetenzraster

Kompetenzraster lassen sich (für Lehrer, aber auch SchülerInnen) vielfältig im Unterricht einsetzen. Sie bieten (ähnlich wie Beobachtungsbögen) eine Beurteilungsgrundlage z.B. für die Einschätzung des fachlichen Lernfortschritts, für das Arbeitsverhalten oder für die Gestaltung von Schülervorträgen bzw. Präsentationen. Dabei definiert ein Kompetenzraster auf der Vertikalen wichtige Leistungskriterien, die im jeweiligen Zusammenhang erwartet werden und auf der Horizontalen beschreibt es auf Kompetenzstufen das jeweilige Niveau, welches erreicht wurde. Petra Merzinger (in Kunze/Solzbacher, 2008, S. 63) beschreibt Kompetenzraster als "praktikable, vielfältig einsetzbare Instrumente, deren Wert die Transparenz von Leistungskriterien ausmacht. Schülerinnen und Schüler können sich beim Lernen zu vorgegebenen Leistungskriterien in Beziehung setzen und (gemeinsam mit der Lehrkraft) den eigenen Lernweg im Sinne einer Arbeit an relevanten Teilkompetenzen planen, überwachen und steuern." Damit ist das Kompetenzraster nicht nur ein Instrument für die Lehrkraft, sondern ebenso für die SchülerInnen.

Portfolio

Nach Paulsen, Paulsen und Meyer (1991)beschreibt ein Portfolio "eine zielgerichtete Sammlung von Schülerarbeiten, welche die Anstrengung des Lernenden, den Lernfortschritt und die Lernresultate auf einem oder mehreren Gebieten zeigt. Die Sammlung schließt die Beteiligung des Schülers bei der Auswahl der Inhalte, Aufstellung der Kriterien für die Auswahl und zur Beurteilung sowie selbstreflexive Gedanken ein." Es handelt sich dementsprechend um eine Mappe, in der je nach dem, ob es ein Entwicklungsportfolio oder Bewertungsportfolio ist, (Zwischen)Ergebnisse, Verschriftlichungen, Einschätzungsbögen etc. gesammelt werden. Somit kann ein Portfolio als Reflexionsinstrument für den Schüler und/oder als Bewertungsgrundlage für den Lehrer verwendet werden. Darüber hinaus kann es als Fördeinstrument eingesetzt werden, welches hilft, Stärken und Schwächen zu identifizieren und einen daran angelehnten Lern- oder Förderplan zu entwickeln.

Lerntagebuch

Neben dem Begriff Lerntagebuch findet sich in der Literatur eine Vielzahl ähnlicher Begriffe wie etwa "Forschungstagebuch", "Emotionstagebuch", "Lernheft", "Lernjournal" oder "Profiltagebuch". An dieses Begriffen lässt sich bereits ablesen, dass das Lerntagebuch ein vom Schüler geschriebenes, persönliches Dokument ist, welches Überlegungen und Feststellungen zum Lernprozess oder Lerngegenstand festhalten hilft. Der Nutzen für die Schülerinnen und Schüler besteht darin, eigene Stärken und Schwächen zu identifizieren und den Lernfortschritt zu reflektieren. Für die Lehrkraft besteht der Nutzen darin, dass er Hinweise über den aktuellen Lernstand und über den Erfolg seines Unterrichts erhält.

Methoden zur individuellen Förderung

Neben dieses Instrumenten und Verfahren gibt es eine ganze Reihe individualisierender Methoden, die den Schüler in das Zentrum der didaktisch-Methoden Überlegungen stellen: z.B. Wochenpläne, Werkstattunterricht, Projektunterricht, Stationenlernen

Literatur

  • Boller, S., Lau, R. (Hrsg.): Innere Differenzierung in der Sekundarstufe II. Ein Praxishandbuch für Lehrer/innen. Weinheim und Basel. 2010
  • Buschmann, R. (Hrsg.): Lernkompetenz fördern - damit Lernen gelingt. Leitfaden und Beispiele aus der Praxis. Köln. 2010
  • Kunze, I., Solzbacher, C. (Hrsg.): Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II. Baltmannsweiler. 2008