Ganztagsschule

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Ganztagsschuldefinition der Kultusministerkonferenz (KMK)

Die KMK subsummiert unter dem Label „Ganztagsschule“ die Schulen, die im Primar- oder Sekundarbereich I an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot von mindestens sieben Zeitstunden bereitstellen. Darüber hinaus muss den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen angeboten werden und es muss ein konzeptioneller Zusammenhang zwischen Ganztagsangeboten und Unterricht bestehen. Die Angebote werden dabei unter Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert und in enger Kooperation mit ihr durchgeführt.


Begründungszusammenhang und Zielsetzung

Der stärkere Ausbau von Ganztagsschulen wird, verbunden mit vielfältigen Veränderungs-erwartungen, seit Ende der 90er Jahre in der bundesweiten Bildungsdebatte als eine wesentliche politische Antwort auf die angeprangerten Mängel des deutschen Schulwesens gehandelt. Die sozialpolitischen Begründungen beziehen sich zum einen auf die mit einem ganztägigen Angebot einhergehende Betreuung von Schülerinnen und Schülern zur Sicherung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf; zum anderen lassen sich Argumente finden, die eine Stärkung der Erziehung von Schülern verfolgen, um mögliche Erziehungsdefizite von Eltern auszugleichen. Aus bildungspolitischer Perspektive wird die Ganztagsschule als adäquate Möglichkeit verstanden, die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit effektiver zu fördern und unterschiedliche Ausgangs-bedingungen von Schülern für Bildung zu kompensieren. Die Trias aus Betreuung, Erziehung und Bildung, bildet in der Regel das Fundament der Gestaltungselemente von Ganztagschulen.

Aus Erkenntnissen der Bildungsforschung werden zudem die veränderten Bildungsanforderungen (u.a. die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, Methoden- und Medienkompetenz) und die hierfür entsprechenden Lernformen und erweiterte Zeitorganisationen betont. Ebenso wird die nach-gewiesene soziale Chancenungleichheit und mangelhafte Begabungsausschöpfung durch soziale, nicht leistungsgerechte Selektion beklagt und als Argument für einen Ausbau der Ganztagsschul-landschaft hervorgebracht.

Der vielfältige Begründungszusammenhang verweist auf die Notwendigkeit einer zusätzlich ge-stalteten Lernzeit sowie Gelegenheiten für soziales Lernen und psychosoziale Zuwendung. Primär ist mit der Einführung ganztägiger Angebote die Erwartung verbunden, eine Intensivierung von indivi-dueller Förderung zu realisieren, die unter den Rahmenbedingungen der Halbtagsschule eine zeitliche Einschränkung erfährt. Höhere Zeitkontingente und die Umsetzung facettenreicher Förder--maßnahmen schüren die Hoffnung auf längerfristig bessere Leistungen von Schülern. Viele Wissenschaftler sehen gerade im traditionellen Halbtagsschulsystem die Ursache für die vorherrschende Benachteiligung (bildung-)armer Herkunftsfamilien. Indem die Familie nachmittags die Förderung ihrer Kinder verantwortet, entscheidet die finanzielle Lage und Kompetenz der Familie über Ausmaß und Erfolg der Unterstützung. Die Ganztagsschule soll diesem Ungleichgewicht entgegenwirken und einen Ort darstellen, an dem allen Schülerinnen und Schülern die bestmögliche Entfaltung und Entwicklung ihrer Fähigkeiten ermöglicht wird.


Die Organisationsform

Mit Blick auf den gegenwärtigen Ganztagschuldiskurs – die vielfältigen Konzepte, Angebotsstrukturen, -inhalte und Organisationsformen - lässt sich festhalten: Die eine Ganztagsschule gibt es in Deutschland nicht.

Einen diskussionsstrukturierten Charakter erhielt in den vergangenen Jahren jedoch die Definition der KMK (siehe oben). Zusätzlich zu zeitlichen und konzeptionellen Rahmenvorgaben unterscheidet die KMK zwischen einer gebundenen und einer offenen Organisationsform der Ganztagsschule.

  • Die „voll gebundene“ Organisationsform sieht die verpflichtende Teilnahme aller Schüler-innen und Schüler an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindestens sieben Stunden vor.
  • In der „teilweise gebundenen“ Ganztagsschulform verpflichtet sich nur ein Teil der Schülerge-meinschaft (z.B. Klassen- oder Jahrgangsstufen) am Ganztagsangebot teilzunehmen.
  • In der „offenen Form“ der Ganztagsschule nehmen Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer Schulklasse und Jahrgangsstufe freiwillig in dem definierten Umfang (drei Wochentage mit jeweils sieben Stunden) am Ganztagsangebot der Schulform teil.


Die offene Ganztagsschule

In der offenen Ganztagsschule sind nur am Vormittag alle Schülerinnen und Schüler in der Schule anwesend; in dieser Zeit findet vorrangig der Pflichtunterricht statt. Nach einem freiwilligen Mittag-essen beinhaltet die Nachmittagsgestaltung eine Hausaufgabenbetreuung, die Teilnahme an Arbeits-gemeinschaften oder Fördermaßnahmen sowie eine offene Freizeitgestaltung. An den nachmittägigen Ganztagsangeboten nehmen nur noch die Schülerinnen und Schüler teil, deren verbindliche Teil-nahme durch einen Erziehungsberechtigten für mindestens ein Schulhalbjahr erklärt wurde.

Organisationsbedingt wird die offene Ganztagsschule mit einem additiven Modell der ganztägigen Bildung und Betreuung in Verbindung gesetzt. Das Modell kann jedoch auch in gebundenen Ganztagsschulen vorzufinden sein, falls hier im Sinne eines traditionellen Bildungs- und Unterrichts-verständnisses eine konsequente Zweiteilung des Schulalltags (Unterricht – außerunterrichtliche Angebote) erfolgt. Mit additiven Grundkonzeptionen stehen häufig weniger die Intensivierung von Lernförderung und Lerngelegenheiten im Vordergrund, als die Freizeitgestaltung und Betreuung. Zudem werden eine hohe Personalfluktuation, ein häufiger Wechsel in Gruppenbildungen und Brüche in Lernprozessabläufen beklagt.


Um tatsächlich dem Ziel einer veränderten Lern- und Unterrichtskultur nahezukommen, kann das additive Organisationsmodell nur dann funktionieren, wenn

  • eine Verzahnung des Vormittagsunterrichts und der Nachmittagsangebote erfolgt (z.B. durch das Aufgreifen von Unterrichtsinhalten im Rahmen der Nachmittagsangebote),
  • ein differenzierter Austausch über Schüler und ihre Entwicklung in Form eines gelingenden Informationsflusses zwischen Lehrkräften und Betreuungspersonen gewährleistet wird,
  • eine gemeinsame Rückmeldungs- und Bewertungskultur gelebt wird.

Es sollte ferner geklärt werden,

  • ob Nachmittagsangebote jahrgangsübergreifend oder jahrgangshomogen organisiert werden
  • wie es gelingen kann, nicht nur Schülerinnen und Schüler aus schwierigen sozialen Situa-tionen (mit berufstätigen Eltern oder alleinerziehendem Elternteil) mit dem Ganztagsangebot zu erreichen
  • wie die Anzahl von Trägern und Anbietern im Nachmittagsbereich möglichst gering gehalten werden kann und welche Kriterien bei der Wahl der Träger und Anbieter erfüllt sein sollten
  • wie Versicherungs- und Aufsichtsfragen (z.B. bei ehrenamtlichen Kräften) zu behandeln sind
  • dass bei Ausfall einer Kraft am Nachmittag eine Vertretungsregelung greifen muss
  • dass sich das konzipierte Nachmittagsangebot sinnvoll in das Schulkonzept der Schule integrieren lässt

Gelungene Beispiele offener Ganztagsschulkonzepte: Max-und-Moritz Gemeinschaftgrundschule, Menden; Gemeinschaftsgrundschule am Höfling, Aachen


Die voll gebundene Ganztagsschule

Die voll gebundene Ganztagsschule setzt den Ganztagsschulgedanken in konsequentester Weise um. Da alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend an den Nachmittagsangeboten teilnehmen, können Unterrichtsstunden und außerunterrichtliche Elemente konzeptionell eng miteinander vernetzt werden. In einem integrativen Modell, das umfassend nur in gebundenen Ganztagsformen zu realisieren ist, ergeben sich insofern neue Optionen für die Gestaltung von Lehr- Lern- Prozessen und die Intensivierung individueller Förderung. Der Schulalltag kann eine Umstrukturierung der Zeit-organisation erfahren und durch den Wechsel an An- und Entspannung, Ruhe und Bewegung, Lernarbeit und Spiel kind- und lerngemäß rhythmisiert werden. Gleichzeitig werden in einem integrierten Modell der ganzheitlichen Charakter der Lernabläufe und die Lern-, Personal- und Gruppenkontinuität aufrechterhalten.

Angesichts der zentralen Merkmale einer gebundenen Ganztagsschulorganisation besteht die Chance, dass Schulen eine neue Lernkultur und Lehrkräfte ein umfassenderes Verständnis für die Lernbedürfnisse ihrer Schülerinnen und Schüler entwickeln. Die Veränderungen und damit verbunden hohen Erwartungen setzen neben entsprech-enden Rahmenbedingungen auch die Erarbeitung eines pädagogischen Gesamtkonzeptes voraus. Steuerungs-, Zeit-, Mittel- und Personaldimension müssen hierfür durchdacht, gestaltet und auf die Inhaltsdimension ausgerichtet werden.

Obwohl vielfach die Vorteile ganztägiger Schulorganisation hervorgehoben werden, lässt sich die Organisationsform auch kontrovers diskutieren. Die Denkrichtung, dass jede(r) Schüler(in) zu jeder Zeit lernt, unterstreicht gleichsam den „Zwangscharakter“ der Institution Ganztagsschule, der die Schüler und Schülerinnen täglich länger und verpflichtend an die Schule bindet.

Gelungene Beispiele gebundener Ganztagsschulkonzepte: Integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel; Edith-Stein-Gymnasium Bretten


Literatur

  • Demmer, M. (2005): Förderung, individuelle. In: Demmer, M. et al. (Hrsg.): ABC der Ganztagsschule. Ein Handbuch für Ein- und Umsteiger. Schwalbach: Wochenschau Verlag.
  • Holtappels, H.-G. et al. (2008): Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der ausgangserhebung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG). 2. Aufl. Weinheim und München: Juventa Verlag.
  • Hotappels, H.-G.; Rollett, W. (2009): Individuelle Förderung an Ganztagsschulen. In: Kunze, I. Solzbacher, C. (Hrsg.): Individuelle Förderung in der Sekundarstufe I und II. 2. unveränd. Aufl. Hohengehren: Schneider Verlag, S. 291 – 308.
  • Holtappels, H.-G. (2010): Die Entwicklung von Ganztagsschulen. Konzeptionen, Organisation und pädagogische Gestaltung. In: Buchen, H.; Horster, L.; Rolff, H.-G. (Hrsg.): Ganztagsschule: Erfolgsgeschichte und Zukunftsaufgabe. Stuttgart: Dr. Josef Raabe Verlags-GmbH.
  • Höhmann, K. (2005): Ganztagsschule in offener Form. In: Demmer, M. et al. (Hrsg.): ABC der Ganztagsschule. Ein Handbuch für Ein- und Umsteiger. Schwalbach: Wochenschau Verlag.
  • Höhmann, K.; Holtappels, H.-G. (Hrsg) (2006): Ganztagsschule gestalten. Konzeption, Praxis, Impulse. Seelze-Verlber: Klett / Kallmeyer Verlage.
  • Oelerich, G. (2007): Ganztagsschule und Ganztagsangebote in Deutschland. Schwerpunkte, Entwicklungen, Diskurse. In: Bettmer, F. et al. (Hrsg.): Ganztagsschule als Forschungsfeld. Theoretische Klärungen, Forschungsdesigns und Konsequenzen für die Praxisentwicklung. Wiesbaden: VS Verlag, S. 13- 43.
  • Prüß, F. (2009): Ganztägige Bildung und ihre Bedeutung für Entwicklungsprozesse. In: Prüß, F.; Kortas, S.; Schöpa, M. (Hrsg.): Die Ganztagsschule: Von der Theorie zur Praxis. Anforderungen und Perspektiven für Erziehungswissenschaft und Schulentwicklung. Weinheim und München: Juventa Verlag, S. 33 – 58.
  • Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister (2010): Allgemein bildende Schulen in Ganztagsform in den Ländern in der Bundesrepublik Deutschland – Statistik 2004 bis 2008. (online) URL: http://www.kmk.org/fileadmin/pdf/Statistik/GTS_2008.pdf (Stand 18.02.2011).

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